Die Geschichte des Drechselns

Die Geschichte des Drechselns

„Des Drechslers Stärke sind runde Werke“ – sagt ein altes Handwerkersprichwort. Doch was steckt dahinter?

Die Geschichte des Drechselns geht über 3500 Jahre zurückHätten Sie es gewusst? Das Drechseln ist eines der ältesten Handwerksformen und blickt auf eine jahrtausendalte bewegte Geschichte zurück. Die erste Drechselbank wurde entwickelt aus einem der ursprünglichsten mechanisierten Geräte der Menschheit – dem Fiedelbohrer. Gedrehte Gegenstände wurden bereits vor mindestens 3500 Jahren gefertigt.

Während der Zeit der Industrialisierung hat die zunehmende Mechanisierung beinahe das Ende der Handdrechslerei herbeigeführt. Inzwischen erlebt die Drechselkunst ein Revival – sowohl im professionellen handwerklichen Bereich als auch in der Kunsthandwerksszene hat sich diese alte Kunst wieder zunehmend etabliert. Aber alles der Reihe nach:

Wie alles begann – der Fiedelbohrer

Der Ursprung der Handwerkskunst, welche wir heute unter Drechslerei verstehen, geht zurück auf die ersten manuellen Drehbewegungen der Menschheit überhaupt.

Lange vor der eigentlichen Erfindung der Drechselkunst führten bereits frühzeitliche Menschen gleichförmige Drehbewegungen zum Entfachen von Feuer mithilfe eines runden Hartstabes und Zunder aus.

Basierend aus der Kunst des Feuermachens entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte der sogenannte „Fiedelbohrer“ als erstes bekanntes Werkzeug der Holzbearbeitung.

Was ist ein Fiedelbohrer?

  • Der Fiedelbohrer gilt als erstes historisches Werkzeug der Holzbearbeitung und somit als „Urvater“ der Drechselkunst.
  • Die ursprünglichen Fiedelbohrer waren aus einem bogenförmigen Holzstück gefertigt, dessen Enden mit einer Sehne verbunden sind, in welcher ein Schaft gespannt ist, der bei Bewegung rotiert. An dessen Ende befindet sich eine Steinspitze, die als Bohrwerkzeug dient.
  • Die ersten Fiedelbohrer sollen bereits 3500 v. Chr. Anwendung gefunden haben.

Die frühzeitliche Drechselbank

  • Ein berühmter römischer Lehrer, Pinus der Ältere, postulierte, dass Theodorus (560 v. Chr.) aus der Insel Samos das Drechseln erfunden hätte. Nach neuerem Kenntnisstand und durch archäologische Forschungen belegt ist es inzwischen sicher, dass die die Erfindung der Drechselbank viel älter ist.
  • Bereits im Jahre 1500 v. Chr. benutzen die Ägypter einfache Drechselbänke. So gilt die Holzdrehbank zweifelsohne als eine der ältesten Maschinen der Menschheit. Die Drechselbank entwickelte sich aus dem Fiedelbohrer – lediglich die Drehachse wurde aus der senkrechten in die horizontale Ebene verlagert.
  • Ein seltener Holzfund einer Schale aus Zypressenholz mit einem Randprofil, welche in mykenischen Schachtgräbern entdeckt wurde, lässt die Vermutung zu, dass man gegen Ende des Jahrtausends v. Chr. auch in Griechenland schon Holz gedrechselt hat.
  • Ohne die Erfindung der Drehbank hätte Jahrhunderte später die industrielle Revolution nicht stattgefunden, denn die Drehbank ermöglichte die Herstellung von Präzisionsteilen, welche beispielsweise in Dampfmaschinen und anderen Motoren benötigt wurden.
  • Der älteste nachgewiesene Fund stammt aus dem frühen 7. Jahrhundert und wurde in Corneto in Italien entdeckt. Die Etrusker hatten damals bereits die Kunst des Drehens von Schalen, Tellern und Möbeln entwickelt.
  • Nicht nur Holz wurde verarbeitet, sondern auch andere Materialien wie Elfenbein, Kalkstein, Schiefer, Marmor, Alabaster etc.

Fakt

  • Die älteste bildliche Darstellung eines Drechslers stammt aus Ägypten -in Form eines Reliefs. Es wurde im Grab des Petosiris entdeckt. (3. Jahrhundert v.Chr.)
  • Man erkennt Handwerker, die an einer Drechselbank arbeiten. Das Relief zeigt eine detaillierte Draufsicht der Drechselbank

Verbreitung der Drechseltechnik

  • Von Ägypten und den großen griechischen und römischen Staaten aus verbreitete sich die Drechselkunst über ganz Europa. Die Herstellung und Bedienung der Geräte wurden durch wandernde Drechsler weitergegeben. Historiker gehen davon aus, dass die Drechselbank im 6. Jahrhundert v. Chr. – einem Jahrhundert der aufblühenden Handelsbeziehungen zwischen den griechischen Kolonialstädten im Mittelmeerraum und den keltischen Stämmen nördlich und westlich der Alpen – auch zu den Kelten gekommen ist.
  • Über die Kelten wurde die Drechselkunst aus dem südeuropäischen Mittelmeerraum nach Mittel- und Nordeuropa exportiert.
  • Die römische Zeit gilt als erste Hochphase des Drechselns. Zum ersten Mal entstand dort die Idee der seriellen Produktion, es entwickelten sich die ersten Manufakturen.
  • Im Laufe des 13. Jahrhunderts wurde eine neue Form der Drechselbank erfunden – die Wippdrehbank. Bei dieser Weiterentwicklung standen beide Hände des Drechslers für das Halten des Werkzeuges zur Verfügung. Trotz aller nachfolgenden revolutionären technischen Entwicklungen hielten sich übrigens sowohl der Drehstuhl mit Fiedelbogen als auch die Wippdrehbank noch bis ins 20. Jahrhundert.
  • Während der Renaissance geriet das Drechslerhandwerk immer mehr von einer eigenständigen Handwerkskunst in eine untergeordnete Spezifikation der übergeordneten Schreinereikunst.

Die Epoche des französischen Barocks bedeutete für Handwerk und Kunst eine Blütezeit. In Deutschland wurde Nürnberg Mittelpunkt des Kunsthandwerks, besonders eine Gilde Nürnberger Drechsler machten das Drechslerhandwerk hoffähig, so gab es sogar unter den damaligen Fürsten, Zaren, Päpsten, Königen und Kaisern gut ausgebildete Drechsler.

Fakt

  • Ohne die bis dahin fortgeschrittene Drechselkunst hätte die historische Atlantiküberquerung von Christoph Columbus im Jahre 1492 und die damit verbundene Entdeckung Amerikas nicht stattgefunden.
  • Die Schiffe Santa Maria, Nina und Pinta waren vorwiegend aus Holz gebaut, unzählige Schreiner und vor allem Drechsler haben bemerkenswerte Arbeit geleistet, diese Holzschiffe zu hochseetauglichen schwimmenden Wundern zu gestalten.

Leonardo da Vinci

  • Der Künstler und Multi-Genie Leonardo da Vinci (1452-1519) hatte ebenfalls einen einschneidenden Einfluss auf die Entwicklung der Drechselkunst.
  • Die Erfindung der sogenannten „gekröpften Welle von Leonardo da Vinci ermöglichte beim Drechseln die einförmige Drehbewegung. Aus der Drehbank der damaligen Drechsler entwickelte sich eine Drehbank, die viel stabiler war, über einen mechanischen Vorschub verfügte und eine kontinuierliche, fortlaufende Drehbewegung an der fußbetriebenen Drehbank möglich machte – eine Antriebsart, die auch beim Spinnrad angewandt wird. Sie wurde damals neben der Holzbearbeitung auch zunehmend in der Metallverarbeitung eingesetzt.

Die industrielle Revolution

  • Bedingt durch die zunehmende Mechanisierung während der ersten und zweiten industriellen Revolution ersetzten zunehmend Maschinen, wie z. B. Kopierfräser und Kopierdrehautomaten die traditionelle Handdrechselei. Das klassische Drechseln wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt.
  • Immer mehr Drechsler arbeiteten fortan in Fabriken und bedienten Drechselmaschinen, die in Serie produzierten. Kreativität wurde immer weniger gefragt. So gerieten viele hoch entwickelte Drechseltechniken auf hohem Niveau der Kunst immer mehr in Vergessenheit. Die meisten Handwerker hatten Mühe zu bestehen, viele wurden arbeitslos und mussten in den großen Fabriken zu Billiglöhnen arbeiten.
  • Während der Gründer- und Jugendstilzeit Anfang des 20. Jahrhunderts war ein kurzzeitiges Aufleben des Drechslerhandwerks erkennbar. Um die Zeit des 1. Weltkriegs beschränkte sich das Drechseln auf Gebrauchsgegenstände wie Möbeln, Spulen oder auch Griffen für Handgranaten.

Fakt

  • Die Bezeichnung Drechsler hatte viele Vorgänger. Früher war die Berufsbezeichnung des heutigen Drechslers – je nach Region – z. B. Dreier, Drayer, Draxler, Drexler, Dreyer etc.
  • Das Durchsetzten des Wortes „Drechsler“ ist vermutlich durch die Entstehung einer Welle von Vereinheitlichungen und Standardisierungen im 19. Jahrhundert im Zuge der Reichsgründung.

Drechselhandwerk in der Neuzeit

  • Erst in der Mitte des 20. Jahrhundert erfuhr das Drechslerhandwerk eine Renaissance, welche bis heute anhält.
  • Trotz einer – im Vergleich zu früheren Zeiten – relativ geringen Anzahl qualifizierter Drechslerbetriebe hat sich das Drehen mit der Hand erhalten und stellt nach wie vor eine wichtige Ergänzung in der Holzbearbeitung
  • Weltweit hat sich das Drechseln sowohl im professionellen handwerklichen Gewerbe als auch im Bereich des Kunsthandwerks wieder bodenständig etabliert.
  • Die Ausbildung zum Drechsler dauert in Deutschland 3 Jahre und wird nur noch von wenigen Betrieben angeboten.

Fakt

  • Das Arbeiten an der Drehbank bezeichnet der Drechsler im Allgemeinen als „Drehen“, während sie landläufig und im Hobbybereich „Drechseln“ genannt wird.
  • Meistens denkt der Laie beim Wort „Drehen“ sogleich an das Automatendrehen an Maschinen. Dies ist nicht komplett falsch, trotzdem ist es auch das Handdrehen des Drechslers, das schlichtweg als Drehen bezeichnet wird.
  • Ein Blick in die Literatur der Vorkriegszeit verrät, dass in den von Meistern der Drechslerzunft geschriebene Werken fast ausschließlich vom Drehen die Rede ist. Früher gängige und heute kaum noch verwendete Techniken wie das Längs- und Querpassigdrehen oder das Ovaldrehen sind mit dem Wort Drechseln nicht verknüpfbar.

Kunstdrechsler in Deutschland

  • Das traditionsreiche Handwerk des Drechselns erfährt besonders in Deutschland in den letzten Jahren einen Hype – nicht nur im Profibereich, sondern speziell durch freiberufliche Kunsthandwerker, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben.
  • Speziell im Allgäu und im Erzgebirge findet man zahlreiche versierte nebenberufliche Kunsthandwerker, die sich auf die Drechselkunst spezialisiert haben.
  • Diese Entwicklung ist einerseits dadurch zu erklären, dass DIY, also Do-it-yourself in den letzten Jahren auf dem Vormarsch ist. Außerdem ist es Tatsache, dass das Bedürfnis der Menschen, als Alternative oder Ausgleich zur Arbeit im Büro etwas mit den Händen herzustellen, immer ausgeprägter wird.
  • Wertvoller Fazit aus dieser Entwicklung ist, dass dieses traditionelle, geschichtsträchtige Handwerk weitergeführt wird und viele Menschen und Liebhaber des Kunsthandwerks glücklich macht – als kreativer Drechsler oder auch als Kunde mit Geschmack für das Besondere.

„Holz ist ein einsilbiges Wort, aber dahinter ist eine Welt voller Märchen und Wunder“.

Theodor Heuss